Experten-Interview
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Sie beschäftigen sich großteils mit dem „untechnischen“ Teil des Bauens. Wie stehen Sie aus dieser Sicht zum Einsatz standardisierter Systeme anstatt einmaliger, immer wieder neu entwickelter Lösungen?
Nun ja, wir Wirtschaftsingenieure beschäftigen uns sehr wohl mit der technischen Seite des Bauens, allerdings berücksichtigen wir ebenso die wirtschaftliche Komponente. In der Planung, der Umsetzung und bei der Überwachung sind standardisierte Systeme natürlich effizienter. Systemlösungen dienen ja gerade dazu, auch bei einem Mangel an Fachpersonal qualitativ gesicherte Lösungen zu finden, die funktionieren.
Wie wichtig wird, nicht zuletzt aufgrund des angesprochenen Fachkräftemangels, der Einsatz von resilienten Verbindungsmitteln, die ein geringes Fehlerpotenzial haben?
Verbindungsmittel, die einfach in der Anwendung und ohne erhebliches Fehlerpotenzial sind, werden sich mittelfristig durchsetzen. Der Fachkräftemangelwird sich nämlich in der gesamten Kette im Holzbau weiter verschärfen. Wir als Technische Universitäten schaffen es nicht, ausreichend Studierende im MINT-Bereich* zu finden. Auf der Baustelle ist die Personalknappheit ebenso eklatant. Resiliente Systeme helfen, eine erste Not zu lindern.
Man trifft mit Verbindungstechnik also noch immer den Nerv der Zeit?
Das Prinzip der Verbindungstechnik ist sogar aktueller denn je. Bei den derzeitigen kollektivvertraglichen Erhöhungen von knapp 10 Prozent kann Bauen nur durch Effizienzsteigerungen bezahlbar gemacht werden. Hier unterstützen standardisierte Verbindungsmittel, um vor allem Zeiten auf der Baustelle zu reduzieren.
Ein hoher Vorfertigungsgrad hat gerade im Holzbau Tradition. Welches Potenzial sehen Sie für eine weitere Verbesserung in der Montage auf der Baustelle bezogen auf die Verbindungstechnik?
Wir haben an unserem Institut schon einige Projekte mithilfe von Assistenten und Studierenden untersuchen können, um das Potenzial der Vorfertigung zu analysieren. Unreflektierte Aussagen, dass der Holzbau generell teurer sei als der Massivbau, helfen nicht weiter. Stattdessen müssen baubetriebliche Planungsmethoden wie eine Verfahrensauswahl, Arbeitsvorbereitung, Taktung, Subunternehmereinsatz und Nebenleistungen wie Gerüstarbeiten sowie in der Gesamtbetrachtung auch die TGA und der Innenausbau berücksichtigt werden. Erst dann kann ein Vergleich erstellt werden. Das Potenzial für Optimierungen sehe ich über den gesamten Wertschöpfungsprozess immer noch bei 5 bis 15 Prozent der Kosten. Bei der Bauzeit wird es sich in einer ähnlichen Größenordnung befinden.
All diese Vorgänge unterliegen auch Kontrollen. Dabei kommt der ÖBA, der Örtlichen Bauaufsicht, eine gewisse Überwachungstätigkeit zu. Was bedeutet bedeutet das im Hinblick auf die Prüfung von statisch wichtigen Verbindungen?
Umso mehr vertraute Systeme eingesetzt werden, umso rascher kann auch die ÖBA die Überwachung vornehmen. Aufwendige Prüfungen im Einzelfall entfallen und die Stehzeiten zur Qualitätssicherung werden reduziert. In Bezug auf die Dokumentation können bei zugelassenen Systemen Routinen entwickelt werden. Das gilt auch bei statisch wichtigen Verbindungen.
Das heißt, System-Verbindungsmittel sind leichter zu dokumentieren als individuelle Lösungen?
Da es beim Bauen immer um eine hohe Investition geht, bei der auch Emotionen eine große Rolle spielen, ist bei Fehlern die Suche nach dem Schuldigen vorprogrammiert. Katastrophen wie der Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall müssen uns zukünftig erspart bleiben. In diesem Zusammenhang ist die Dokumentation von standardisierten Verbindungslösungen vor Individualkonstruktionen sicherer und einfacher.
Wie wird BIM (Building Information Modelling) die Planung und das Bauen generell verändern?
Mit der Standardisierung wird auch der Einsatz von BIM stärker werden. Planer, Hersteller der Verbindungselemente und Ausführende greifen zukünftig stärker auf Bauteilkataloge zurück, die eine Effizienzsteigerung schaffen. Am Ende weiß sogar der Nutzer, welche Elemente bis hin zum Verbindungsmittel eingebaut wurden.
Die Baubranche stand 2023 vor wirtschaftlichen Herausforderungen. Werden sich Materialmangel, hohe Baustoffpreise und steigende Zinsen auch 2024 kritisch auf die Baukonjunktur auswirken?
Das Jahr 2024 wird einen Wendepunkt darstellen. Die latent niedrige Anzahl an Baugenehmigungen resultiert in einem gedämpften Baumarkt im Hochbau. Private Investoren haben etwa die lang anhaltende Niedrigzinsphase und staatliche Förderungen genutzt, um ihren Investitionsbedarf zu decken. Öffentliche Auftraggeber haben weiterhin bei klammen Kassen einen hohen Instandsetzungsbedarf, der durch ambitionierte Klimaziele weiterhin angefeuert wird. Die derzeitige Situation sollte von den Unternehmen genutzt werden, die eigenen Prozesse zu überdenken und Innovationen voranzutreiben, um das bestehende Personal weiter zu qualifizieren. Eine Diversifikation spielt für Holzbauunternehmen hingegen eine untergeordnete Rolle.
Wie sieht Ihre Prognose für den Holzbau aus?
Es ist wichtig, mit innovativen Systemen, sei es in der Verbindungstechnik, bei der Integration von HKLS, aber auch bei den Nachfolgegewerken und beim Brandschutz, die Vorteile des Holzbaus zu stärken. Die CO2-Besteuerung energieintensiver Bauprodukte wird letztendlich auch finanzielle Vorteile des Werkstoffes Holz lukrieren. Das Bewusstsein für klimafreundliche Produkte steigt ohnehin.